Straßenzustandserfassung: So digitalisieren Kommunen

Straßenzustandserfassung: So digitalisieren Kommunen

Von Matthias Mut in Digitale Transformation 17. August 2026

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CEO & Datenstrategie - Matthias Mut

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Warum die Straßenzustandserfassung gerade digital wird

Kaum eine kommunale Aufgabe steht so exemplarisch für den Spagat zwischen knappen Kassen und wachsendem Erhaltungsrückstau wie das Straßennetz. Jahrzehntelang wurde der Zustand der Straßen per Begehung erfasst: Mitarbeitende des Bauhofs oder Ingenieurbüros dokumentierten Schäden auf Papier oder in einfachen Listen – aufwendig, subjektiv und in vielen Gemeinden schlicht zu selten, um mit dem tatsächlichen Verfall Schritt zu halten.

Gleichzeitig ist die systematische Zustandserfassung und -bewertung (ZEB) auf Bundes- und Landesstraßen seit Jahren etabliert und normiert [1]. Auf kommunaler Ebene, wo der größte Teil des deutschen Straßennetzes liegt, fehlte dagegen lange ein wirtschaftlich tragfähiges Verfahren. Genau das ändert sich gerade: Kamera- und KI-gestützte Systeme machen die flächendeckende Straßenzustandserfassung erstmals auch für kleinere Städte und Gemeinden bezahlbar – teils sogar als interkommunales Gemeinschaftsprojekt, wie es etwa in Nordrhein-Westfalen erprobt wird [2].

Für Kämmerei und Tiefbauamt ist das mehr als ein Technik-Upgrade. Eine belastbare, aktuelle Datenbasis verändert die Gespräche über den Straßenerhalt grundlegend: Statt über gefühlte Zustände zu diskutieren, lässt sich objektiv belegen, welche Abschnitte wann welche Maßnahme brauchen – und was das Aufschieben kostet.

Von der Begehung zur KI-Auswertung: die Verfahren im Überblick

Für die Zustandserfassung kommunaler Straßen haben sich im Wesentlichen drei Verfahrensklassen etabliert:

| Verfahren | Typischer Einsatz | Stärken | Grenzen | |---|---|---|---| | Visuelle Begehung | kleine Netze, Einzelfälle | geringe Einstiegskosten, lokales Wissen | subjektiv, personalintensiv, lückenhaft | | Messfahrzeuge (ZEB-nah) | größere Städte, Hauptnetze | normierte, sehr genaue Messwerte | teuer, lange Intervalle, für Nebennetze selten wirtschaftlich | | Kamera-/KI-Systeme | flächendeckend, auch kleine Kommunen | laufende Erfassung im Alltagsbetrieb, objektive Auswertung, günstig je Kilometer | Genauigkeit abhängig von Modell und Bildqualität, Datenschutz zu klären |

Interessant ist vor allem die dritte Klasse: Smartphone- oder Dashcam-basierte Systeme erfassen den Zustand nebenbei, etwa auf Fahrten der Müllabfuhr oder des Bauhofs. Eine KI erkennt Risse, Schlaglöcher und Flickstellen und ordnet sie automatisch dem Straßennetz zu. Die Bewertung folgt dabei in der Regel angelehnt an die etablierten Zustandsindikatoren der ZEB, sodass die Ergebnisse anschlussfähig bleiben [1].

Welches Verfahren das richtige ist, hängt weniger von der Technik ab als von der Frage, was mit den Daten geschehen soll. Eine hochgenaue Messkampagne, deren Ergebnisse als PDF im Aktenschrank landen, bringt weniger als eine einfachere Erfassung, deren Daten laufend in die Erhaltungsplanung fließen.

Wo steht Ihre Verwaltung bei der Digitalisierung? Mit unserem Digitalisierungs-Quickcheck für Kommunen finden wir heraus, wo Daten heute schon Entscheidungen tragen könnten – auf der Straße und darüber hinaus. Einen Überblick über unsere Arbeit für die öffentliche Hand gibt die Seite Kommunen & öffentliche Verwaltung. Am schnellsten geht es im direkten Gespräch: 30-Minuten-Kennenlernen buchen.

Digitale Prozesse in der kommunalen Verwaltung

Straßenkataster: Ohne Datenbasis keine Strategie

Die beste Zustandserfassung verpufft, wenn die Ergebnisse nicht in einer gepflegten Datenbasis landen. Das Straßenkataster – also das vollständige Verzeichnis aller Straßen, Wege und Plätze mit ihren Eigenschaften – ist dafür das Fundament. In der Praxis begegnen uns dabei drei wiederkehrende Probleme:

Erstens existieren Kataster häufig nur fragmentiert: ein GIS beim Planungsamt, Excel-Listen im Tiefbauamt, historische Bestandsakten im Archiv. Zweitens fehlt die Verbindung zwischen Kataster und Zustandsdaten – die neue Befahrung liegt dann als isolierter Datensatz neben dem Bestand, statt ihn zu aktualisieren. Und drittens ist die Zuständigkeit für die Datenpflege oft ungeklärt, sodass das Kataster mit jedem Jahr weiter veraltet.

Wer eine digitale Zustandserfassung einführt, sollte deshalb im selben Schritt die Datenfrage klären: Wo ist das führende System? Wie fließen Befahrungsergebnisse automatisch hinein? Welche Schnittstellen braucht es zu GIS, Haushaltsplanung und Auftragsvergabe? Diese Integrationsarbeit ist unspektakulär, entscheidet aber darüber, ob aus einem einmaligen Projekt ein dauerhaft nützliches Werkzeug wird – dieselbe Lektion, die auch bei Datenmanagement-Lösungen für KI-Projekte über Erfolg und Misserfolg entscheidet.

Vom Zustandsbild zur Erhaltungsstrategie

Der eigentliche Wert der Straßenzustandserfassung entsteht erst in der Auswertung. Mit einer vollständigen, georeferenzierten Zustandsdatenbank lassen sich Fragen beantworten, die vorher Bauchsache waren:

  • Priorisierung: Welche Abschnitte verschlechtern sich am schnellsten? Wo verhindert eine günstige Maßnahme heute eine teure Grundsanierung in fünf Jahren?
  • Szenarien für den Haushalt: Was passiert mit dem Netzzustand bei gleichbleibendem, sinkendem oder steigendem Erhaltungsbudget? Solche Szenarien machen Haushaltsverhandlungen sachlicher – und verschaffen dem Tiefbauamt belastbare Argumente.
  • Nachweis und Dokumentation: Für Verkehrssicherungspflicht und Fördermittelanträge liegt eine lückenlose, datierte Dokumentation des Straßenzustands vor.

Kommunen, die diesen Weg gehen, berichten übereinstimmend, dass sich die Diskussionskultur verändert: Die Frage ist nicht mehr, ob eine Straße „schlimm genug" aussieht, sondern welche Maßnahme im Netzzusammenhang die wirtschaftlichste ist. Ein datenbasiertes Erhaltungsmanagement ist damit auch ein Stück Verwaltungsmodernisierung – ähnlich wie wir es in der Prozessautomatisierung einer Kommunalverwaltung begleitet haben.

Datenschutz, Vergabe und Datenhoheit: die Fallstricke

So überzeugend die Technik ist – drei Punkte sollten Kommunen vor der Einführung sauber klären:

Datenschutz: Kamerabasierte Systeme filmen zwangsläufig den öffentlichen Raum, inklusive Personen und Kennzeichen. Seriöse Anbieter anonymisieren diese Daten unmittelbar und automatisiert; die Verarbeitung gehört dennoch in ein Verzeichnis der Verarbeitungstätigkeiten, und die Datenschutzbeauftragten sollten früh eingebunden werden. Fragen Sie konkret nach, wo die Rohbilder verarbeitet und wie schnell sie gelöscht werden.

Vergabe: Der Markt ist jung und dynamisch. Statt sich früh an ein System zu binden, lohnt eine leistungsbezogene Ausschreibung: beschrieben wird das Ergebnis (Zustandsdaten in definierter Qualität und definiertem Format), nicht das Produkt. Das hält den Wettbewerb offen und erleichtert später den Anbieterwechsel.

Datenhoheit: Der wichtigste und am häufigsten übersehene Punkt. Die erhobenen Zustandsdaten müssen der Kommune gehören – in einem offenen, dokumentierten Format, exportierbar ohne Zusatzkosten. Wer die eigenen Straßendaten nur im proprietären Portal eines Anbieters einsehen kann, hat kein Kataster aufgebaut, sondern ein Abo abgeschlossen. Gerade weil Systemwechsel in diesem Markt wahrscheinlich sind, ist die Datenfrage wichtiger als jedes einzelne Produktmerkmal.

Fazit

Die digitale Straßenzustandserfassung ist für Kommunen einer der greifbarsten Anwendungsfälle von KI in der Verwaltung: Der Nutzen ist unmittelbar sichtbar, die Kosten sind kalkulierbar, und die Datenbasis zahlt auf eine Kernaufgabe ein. Entscheidend ist, das Thema nicht als Technikkauf zu behandeln, sondern als Datenprojekt – mit einem gepflegten Straßenkataster als Fundament, klaren Schnittstellen in die Erhaltungsplanung und der Datenhoheit fest in kommunaler Hand. Dann wird aus Bildern von Schlaglöchern das, was Verwaltungen wirklich brauchen: eine belastbare Grundlage für gute Entscheidungen.

References

  1. (BASt – Zustandserfassung und -bewertung (ZEB))
  2. (Interkommunales NRW – Straßenzustandserfassung und Auswertung über KI)
  3. (kommunale-strassen.de – FAQ Straßenzustandserfassung)

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